Kirschrother Kirche

Aufgrund der stark gewachsenen Einwohnerzahl wurde im Jahr 1850 die Ev. Kirche als Nachfolgegebäude errichtet – ein spät-klassizistischer Saalbau aus Rotsandsteinquadern.
Im Zuge der Renovierung wurde im Jahr 1965 das Ehrenmahl aus dem Kircheninneren nach draußen verlegt.
Ein noch größerer Eingriff war die Änderung im Kirchenschiff, weil man die Rundbogendecke zu einer geraden (waagerechten) Decke abhängte. In dieser Decke wohnen heute Fledermäuse.
Aktuell stehen wir in Kontakt mit dem NABU um zu klären, um welche Art es sich dabei handelt.

Ebenfalls 1965 musste die schöne Steinkanzel weichen und die Holzheizung wurde durch eine Ölheizanlage ersetzt. Eine Gemeinschaftsaufgabe war die Erstellung eines Belüftungskanals für die Heizung: Kirschrother Bürger beteiligten sich tatkräftig mit Harke und Schippe. Gelebte Ökumene, denn einer der wenigen katholischen Bürger, Kurt Wildanger, war selbstverständlich mit von der Partie und holte zur Unterstützung bei der mühsamen Arbeit sogar sein Fuhrwerk mit Pflug in die Kirche.

Zuletzt wurden durch den neuen Innenanstrich die Sprüche übermalt, die sich an der Wand hinterm Altar befanden: „Gott ist Geist und die ihn anbeten müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!“ (Johannes 4,24) und „Jesus Christus – gestern und heute und derselbe in Ewigkeit“(Hebräer 13,8).

Aus heutiger Sicht ist die Renovierung von 1965 kritisch zu sehen. Die Kirche hat damals viel von ihrem ursprünglichen Charme verloren.
Eine behutsamere Renovierung war im Jahr 2000 das Anliegen unseres damaligen Vakanzverwalters und späterem Superintendenten Marcus Harke.
Beim neuen Innenanstrich wurden einige Flächen, z.B. am Orgelgehäuse, ausgelas-sen, um den vorherigen Zustand sichtbar zu erhalten.
Im jetzigen Turm ist noch das Turmgeschoss der eingangs erwähnten Kapelle mit spätgotischer Sakramentsnische erhalten. Der Turm ist also sehr viel älter und – eine Besonderheit – nicht direkt mit dem Kirchenschiff verbunden, es stehen „Wand an Wand“. Das führt dazu, dass beim Geläut, welches den Turm zum Schwingen bringt, Steinchen und Sand aus den entstehenden Zwischenräumen zwischen Kirchenschiff und Turm auf die Orgelempore rieseln. Im Extremsommer 2003 verstärkte sich dieses Phänomen derart, dass über viele Wochen das Glockengeläut in Kirschroth ruhen musste.
Aber keine Angst: die bauliche Sicherheit für Gottesdienstbesucher ist gewährleistet.
Apropos Glocken: Es gibt zwei davon. Auf der kleineren findet sich die Inschrift: „1833 in Kercherod Adam Reidenbach und Peter Schlarb und Philipp Kistner alle drei Municipalraete“ (Anm.: heutige Gemeinderäte).
Üblich war ein weiterer Hinweis auf die Glockengießer:
„Es gossen mich Glaudius Renaud und Nicolaus Antoine“.
Die große Glocke hat sogar drei Inschriften: „Was durch Feuer vom Himmel zerstört, erstand neu im Feuer. So verzehr uns himmlische Glut, die die Herzen erneuer!“ im oberen Bereich, gefolgt von dem Spruch: „Deutschem Land mein Ruf erschalle. Den Menschen allen ein Wohlgefallen 1719-1926″ und zuletzt ein Hinweis auf die Glockengießerei: „Franz Schilling Soehne in Apolda gossen mich“.

Mit dem Glockengeläut verbinden wir eine Erinnerung an unsere langjährige Küsterin Gertrud Gram: Bei Beerdigungen beginnt der Trauergottesdienst in der Kirche und wird am Grab fortgesetzt.

Gertrud Gram läutete exakt bis zu dem Zeitpunkt, da die Trauergemeinde gemeinsam an der Grabstätte angekommen war. Damit das gelang, kletterte sie stets in die Fensternische des Turmfensters.
Von keinem anderen Ort hatte sie Blick auf den Friedhof. Wer sich gerne einmal ein Bild davon machen möchte, dass das Gelenkigkeit erforderte, ist gerne eingeladen unsere schöne Kirche in Kirschroth – die stolz und in erhabener Lage über den Ort wacht – einmal zu besuchen.

Nebenbei bemerkt: Inzwischen werden die Glocken mit einer Fernbedienung geläutet, so dass niemand mehr klettern
muss.
Eine große Besonderheit, die gleichzeitig auch einen großen Wert darstellt, ist die 1853/54 erbaute Stumm-Orgel.
Sie ist sehr gut erhalten, lediglich das Trompetenregister wurde irgendwann ausgebaut. Ein Teil dieser Orgelpfeifenfüße ist aber noch vorhanden und wird im Turm aufbewahrt.

Erwähnenswert ist ein weiterer Schatz im Turm der Kirschrother Kirche. Dort ist noch eine originale Keilbalganlage (aus der Zeit, bevor die Orgel mit einem Gebläsemotor nachgerüstet wurde) erhalten. Es ist eine der letzten Anlagen dieser Art und sie diente der Orgelbauwerkstatt Müller als Vorlage: Als die alte Schweinschieder Orgel nach Baumholder verkauft wurde, vermaßen die Orgelbauer die Keilbalganlage in Kirschroth und bauten sie in Baumholder nach.

Das Orgelgehäuse wurde bei der Renovierung 1965 übermalt. Wir wissen jedoch, dass die Gebrüder Stumm ebenfalls 1853 im Hunsrückdorf Beulich eine Orgel bauten. Dort gibt es das exakt gleiche Orgelgehäuse der „Schwesterorgel“ noch im Originalzustand aus unbemaltem Eichenholz zu bewundern.

Wie in vielen Gemeinden wurden auch in Kirschroth die Zinnpfeifen aus dem Orgelprospekt zur Rüstungsproduktion im
1. Weltkrieg 1917 abgeliefert und in den
20er Jahren durch Zinkpfeifen ersetzt.
Viele persönliche Erinnerungen sind mit der Kirche verbunden, einem Ort, an dem sich die Gemeinde in Freud und Leid versammelt.

Einige Geschichten, die uns zum Schmunzeln brachten, möchten wir mit Ihnen teilen.
In Kirschroth gab es über viele Jahre eine kleine schwarze Katze, die der Kirche sehr zugetan war: sie mischte sich auf dem Vorplatz unter die Besucher und nutze offenstehende Türen auch schon mal für einen kurzen Besuch. Ob es an dem weißen Brustfleck lag, der einem
Beffchen ähnelte?

Unvergesslich auch der Hahn auf dem Nachbargrundstück, der wohl unter die Gattung der Langschläfer fiel: Gekräht hat er immer gegen Ende des Gottesdienstes – es geht das Gerücht um, dass er zum Vater Unser wach wurde und ,mitgebetet“ hat. Eines Sonntags gab es während des gesamten Gottesdienstes kein Gekrähe, was zu allgemeiner Verwunderung führte. Den Hahn hatte in der Nacht ein schlimmes Schicksal ereilt: ein Fuchs hatte ihm den Garaus gemacht.

Zum Schluss eine kleine Anekdote, die uns Henny Renner erzählte: Als Kirschroth nach dem 2. Weltkrieg unter amerikanischer Besatzung stand, mussten die Bauern regelmäßig Schlachtvieh an die Besatzer abgeben. Um das zu umgehen, haben sie einiges an Kleinvieh in die Kirche zur „sicheren Aufbewahrung“ gebracht. So haben die damaligen Besatzer in Ställen und auf den Heuböden vergeblich nach Tieren gesucht.
Dieser Bericht ist gemeinsam mit Kirschrothern und Kirschrotherinnen entstanden. Wir hatten viel Spaß dabei, auf Spurensuche zu gehen und uns gemeinsam zu erinnern. Die Redaktion dankt allen, die uns Auskunft gegeben haben.

  • Christian Schucht (Pfarrer)
  • Michelle Koehler